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Die Flitterwochen sind vorbei!

  • anniecd
  • Sep 17, 2020
  • 5 min read

Updated: Sep 20, 2020

Meine Lehrjahre sind abgeschlossen – fünf Jahre arbeite ich nun bereits als freiberufliche Übersetzerin!

Es benötigt fünf Jahre um einen Beruf zu erlernen, so sagt man – oder 10.000 Stunden, laut Malcolm Gladwell. In seinem Buch Outliers: the Story of Success beschreibt er, dass es diesen Zeitraum benötigt, bis man Experte oder Meister in einem bestimmten Bereich gewo

ree

rden ist. Gut zu wissen, dass ich diesem Anspruch nun genüge (siehe auch im Portfolio auf dieser Website).

Gladwell’s Aussagen basieren auf Recherchen von Ericsson, der sich mit professionellen Musikern beschäftigte. Jedoch können gegenüber einem Naturtalent auch zahlreiche Übungsstunden keinen wirklichen Vorsprung verschaffen. Die Psychologin Brooke Macnamara fand, gemeinsam mit ihrem Team der Case Western Reserve University, mittels einer Metaanalyse Hinweise auf eine Wechselwirkung zwischen systematischem, bewusstem Training und Kompetenz, wenngleich Übung und Training nur 21% der Leistungssteigerung im Bereich Musik erklären und 18% im Bereich Sport (zufälligerweise zwei Freizeitaktivitäten, in welchen ich neben meiner schriftlichen Ausdrucksfähigkeit über hervorragende Expertise verfüge und dies bereits seit meiner frühen Kindheit).

Das vergangene halbe Jahrzehnt war sehr intensiv und ich habe durchaus Lehrgeld gezahlt – dennoch konnte ich meine Fähigkeiten weiter schärfen und verfeinern, lernte mich besser kennen und blieb stets am Ball. Ich konnte in der uneingeschränkten Freiheit schwelgen meine Aufträge aus einer großen Vielzahl an Möglichkeiten zu wählen, und konnte so Einblicke erhaschen in Lebensbereiche, von denen ich nur ahnte, dass es sie gibt. Ich habe mehr über hochspezialisierte Themen abseits meiner Fachgebiete erfahren als ich mir jemals vorstellte, einschließlich Ballistik, steuerrechtliche Schwindeleien und Tricks, Modelleisenbahnen und die obskuren rechtlichen Rahmenbedingungen rund um schweizerische Immobilientransaktionen. Ich kenne einige Regionen Europas, wie das Bergenland, besser als meine eigene Nachbarschaft. Ich habe Fristen beharrlich eingehalten und gelernt hohe Arbeitsbelastung zu bewältigen, ohne meinen Verstand zu verlieren (und verbesserte während diesem Prozess meine Yoga-Fertigkeiten deutlich).

All das übertrifft es, das Leben einer regulär angestellten Arbeitnehmerin zu leben.

Ein weiterer positiver Nebeneffekt besteht darin, dass ich mir meines eigenen Wertes und meiner Fähigkeiten deutlich bewusster geworden bin. Natürlich gibt es qualitative Unterschiede zwischen Übersetzern, jedoch ist es verblüffend zu sehen, was alles als Übersetzung durchgeht. Mehrsprachige Speisekarten und Hinweisschilder bieten hierfür oft vergnügliches Material. Zum Beispiel die englische Übersetzung „Decomposed Moscow Mule“ oder, um ein mehrsprachiges Beispiel zu geben, „crema die verdura – it cremates of greeness – es äschert von unreife ein – il incinére di coleur verte“. Und, so in einer Kirche gesehen, „Please do not upload the presbytery (favor no subir al presbiterio)”. Wie bereits Julian Barnes sagte, “Übersetzung ist eine zu wichtige Aufgabe, als dass wir sie Maschinen überlassen können. Aber“, setzte er fort, „welcher Art von Mensch können wir sie überlassen?“ (In diesem unterhaltsamen Essay zu Übersetzung findest Du die vollständige Antwort Flaubert, LRB Vol. 32 No. 22 · 18 November 2010 https://www.lrb.co.uk/the-paper/v32/n22/julian-barnes/writer-s-writer-and-writer-s-writer-s-writer. (Ebenfalls hierzu passt mein Blogeintrag zum Interview der Egypt Air mit Drew Barrymore und die Fallen, wenn man aus dem Arabischen rückübersetzt.)

Für jede Gelegenheit das Passende. Lese- und Schreibfähigkeiten sowie Geschmäcker unterscheiden sich weltweit. Ich weiß nicht wie es für Dich ist, aber ich bin recht wählerisch, wenn es darum geht Bücher auszuwählen. Sie müssen Welten und Persönlichkeiten heraufbeschwören, die mich ansprechen. Aber noch viel wichtiger, ein Buch muss stilistisch ansprechend sein. Es gibt buchstäblich tausend brillante Stilisten, warum also soll ich meine Zeit an ein Buch verschenken, an dem ich keinen Gefallen finde?

Alan Hollinghurst, zum Beispiel. Nahezu jeder Satz in seinen Romanen ist behutsam gestaltet, ein Miniaturkunstwerk, ein Haiku gesellschaftlicher Schattierungen. Der folgende Auszug aus seinem Buch The Line of Beauty vermag uns einiges zu sagen über die beschriebene Frau mittleren Alters, Rachel, und denjenigen, der sie beschreibt, Nick: "Rachel beherrschte es, in einer Plauderei ein gemurmeltes 'Mmm' oder trockenes langgezogenes 'Ich weiß...' mit einer Note überraschter Skepsis zu versehen. Nick liebte diese spärliche, gehobene Weise zu reden, die Kunst nichts zu sagen, versetzt mit angedeuteten Nuancen von Zustimmung und Dissens; er sehnte sich danach, dies ebenfalls zu beherrschen."

Meine Lieblingsautoren haben alle eine unverkennbare Stimme, so wie z.B. die stringent asketische Prosa von Ishiguro; Paul Auster, der über die Komplexität menschlicher Existenz schreibt; die liberale Stimme von Theroux, dem herzlichen Altmeister der Reiseliteratur; Anthony Burgess, der Meister aller Dialoge und kryptischer, musikalischer Verweise [Link zu Cyrano‘s Übersetzungskunst.]. Ein wahrlich literarisches Festmahl. Wie kann aber eine so starke schriftstellerische Stimme übersetzt werden? Oder ein Milieu, ohne dabei die Freude des Lesers zu schmälern, der eine fremde Welt betritt? Dieser Tanz auf der Messerkante lässt mein Herz schneller schlagen.

Natürlich benötigt nicht jede Übersetzung ein solches Flair für Stil. Ein technisches Handbuch zum Beispiel, (von denen ich auch einige übersetzt habe), würde keinesfalls von einer literarischen Herangehensweise an die Übersetzung profitieren. Begriffsverzeichnisse sind in diesem Genre vorgegeben, Sätze sind kurz und bündig zu halten und zu einem gewissen Grad auch vorhersehbar, demnach geeignet für die maschinelle Übersetzung und Nachbearbeitung durch einen Übersetzer.

Ein weniger eindeutiges Beispiel sind die nicht allzu anspruchsvollen Anzeigetexte von Produkten, wie sie z.B. auf Amazon zu finden sind. Wie schlagfertig muss die Produktbeschreibung sein? Kann der Übersetzer dem schöpferischem Schreiben bei solchen Texten frönen? Bis zu einem gewissen Grad, ja. Amazon würde jedoch am liebsten ganz auf maschinelles Übersetzen zurückgreifen, da es wirtschaftlicher ist. Weniger monolithisch ausgerichtete Unternehmen, wie Ragwear, sind aber darauf aus einen Markenauftritt zu gestalten, eine Vision mit klaren Werten, die einer sorgfältigen Übersetzung kultureller Sitten und Ausdrücke bedarf. Als Übersetzerin musste ich auch bereits auf fragwürdige Produktnamen hinweisen, wie z.B. die „Hooker“ Sweatjacke.

Markenbildung benötigt Persönlichkeit – mein aufrichtiges Dankeschön an Oxana Zeitler, deren Buch ich übersetzen durfte und die mir im Zuge dessen soviel Wissen auf diesem Gebiet vermittelt hat (Link zum Oxana Bericht). Jeder Unternehmer, der auf spielerische, humorvolle, geistreiche und kultige Texte abzielt, um einen Kundenstamm aufzubauen, kann sich nicht auf maschinelle Übersetzung verlassen.

Das Geschäft rund um Übersetzungen ist eine schnelllebige Branche und sie hat sich in den letzten fünf Jahren erheblich verändert. Maschinelle Übersetzungen werden immer besser und immer häufiger genutzt. Leider oder vielleicht auch glücklicherweise, ist diese Art der Übersetzung nicht kreativer geworden als sie es zu Zeiten von Alan Turing war. Im gleichen Atemzug liefern kommerziell ausgerichtete Suchmaschinen wie Google spürbar beschränkter Suchresultate als noch vor zehn Jahren und Open-Source-Wörterbücher wie Linguee sind nun gespickt mit schlechten Anwendungsbeispielen, ganz im Gegensatz zu einer Zeit, in der die Übersetzung noch in den Händen ausgebildeter Übersetzer lag. All dies macht die Hintergrundrecherche für einen Übersetzer, der Generalist ist, umso schwerer. Jedoch weisen Übersetzerglossare, alternative Suchmaschinen und Archive einen vielversprechenden Weg in die Zukunft.

Wie sehe ich nun für mich selbst die kommenden fünf Jahre? Bisher lehnte ich mich zurück und ließ die Menschen zu mir kommen, nun jedoch bin ich mir meiner Kunst und dem was ich verkaufe so bewusst, dass ich es mit lauter Stimmer verkünden möchte. Es gibt dort draußen immer noch unzählige anspruchsvolle Kunden, die wie ich einen guten schriftlichen Stil zu schätzen wissen und feinsinnige Übersetzer benötigen, die sozial intelligente, begabte und fesselnde Autoren sind.

Ich bin für Euch da!

Schwerpunkte:

Nach meinem akademischen Abschluss in Psychologie und mehreren Jahren beruflicher Aktivität in diesem Bereich, spezialisierte ich mich auf Sozialwissenschaften. Meine Arbeit für Immobilienfirmen vertiefte meine Kenntnisse in Architektur und Objektbeschreibung. Ich blieb zudem auch weiterhin der literarischen Übersetzung, meiner ersten Liebe, treu.

 
 
 

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